Reise zum Frieden

Eine Geschichte für kleine und große Leute

Es war einmal ...
... da wurde ein klitzekleiner Junge namens Leon von einem Tornado in ein friedliches klitzekleines Dörfchen geweht. Doch er stritt mit jedem, weil er es nicht anders kannte. So geht das aber nicht, fanden die Dorfbewohner und schickten ihn auf eine Reise zum Frieden. 📅 17.06.2025. 📝 ca. 500 Worte.

MAKING OF

Inspiriert wurde ich durch die Ausschreibung Das goldene Kleeblatt in der Autorenwelt: Eine Kurzgeschichte zum Thema Frieden. Fünfhundert Worte sollte sie lang sein. Das ist ganz schön wenig. Geschrieben hatte ich bislang keinen einzigen Text in dieser Kürze. Auch keine Geschichte für junge Leser. Das reizte mich. Neugierig war ich auch. Kann ich das überhaupt? Geht so etwas? Flash Fiction?


DIE REISE ZUM FRIEDEN

Da war einmal ein Dorf mit vielen, vielen kleinen Häusern, einer Schule und einer Rakete. Dort lebten die Weißknöpfe, ein friedliches Völkchen, das keiner Seele etwas zuleide tat, nur vegetarisch speiste und sich nie stritt.

Dorthin floh Leon, nachdem ein schrecklicher Tornado sein Haus einfach davon wehte. Leon war jetzt ganz alleine. Er gehörte zu den Schwarzknöpfen, die stets stritten. Und weil er das normal fand, zankte er auch in der Schule.

Aber das fand Frau Lehr-Knopf gar nicht gut.

»Leon!«, mahnte sie mit erhobenem Zeigefinger. »Wenn du dich streitest, darfst meine Schule nicht besuchen. Wir mögen Frieden.«

Zuerst war Leon bitterböse, doch dann erschrak er ganz ungemein. Schließlich wollte er zur Schule gehen, um nicht so alleine zu sein. Aber was meinte die Lehrerin bloß mit Frieden? Da sie so klug war, fragte er sie.

»Frieden«, erklärte sie. »Nun, in der Schule tauscht ihr Bonbons und reicht euch die Hand. Doch bei den Großen ist das schwieriger. Da will einer das haben was der andere hat oder mächtiger sein – und keiner gibt nach.«

»Aber wie gibt es dann Frieden?«

»Du suchst eine Lösung, die beiden gefällt.«

»Aber wenn der andere das nicht will?«

»Du musst den Frieden suchen.«

Leon nickte eifrig, weil er das verstand.

Er schritt zur Bäckerei und holte sich eine Brezel bei dem dicken Herrn Back-Knopf.

»Ich suche den Frieden«, sagte er. »Weißt du, wo er ist?«

»Hm«, sagte Herr Back-Knopf. »Am besten gehst du auf eine Reise. Da triffst du Leute, die mehr wissen als ich.«

Leon nickte und ging. Aber als er die Brezel aufgegessen hatte, war ihm doch nichts klar, und auf der Straße war keiner zu sehen, den er fragen konnte.

So schlich er zur Rakete, die mitten auf dem Marktplatz stand. Er kletterte hinein und flog heimlich davon, durch die tintendunkle Nacht vorbei an glitzernden Sternen. Er fühlte sich genauso einsam wie zuvor.

Endlich erschien ein Planet und Leon landete freudestrahlend.

»Ich suche Frieden. Finde ich den hier?«, fragte er.

»Frieden«, antwortete ein Soldat. »Wir sind sehr friedlich. Aber unsere Nachbarn sind so böse, dass wir sie erschießen müssen. Schau! Solch Stachelzäune müssen wir bauen.«

»Wer sagte euch denn, dass sie böse sind?«

»Das muss uns keiner sagen. Schau! Sie sehen ganz anders aus als wir.«

Da flog Leon davon.

Er landete auf einem Planeten mit vielen rosaroten Häusern.

»Ich suche Frieden. Finde ich den hier?«, fragte er.

»Wir bauen rosa Häuser, also sind wir friedlich«, sagte eine Prinzessin. »Mein Vater erlässt jeden Tag neue Gesetze. Er bestimmt, was friedlich ist.«

Leon flog fort so rasch er konnte.

Er besuchte viele Planeten. Die sahen alle anders aus, und jeder erzählte ihm etwas Neues. Doch plötzlich beschlich ihn das Gefühl, dass alle schummelten. So kehrte er ins Dorf der Weißknöpfe zurück und landete mit der Rakete wieder auf dem Marktplatz.

Am nächsten Morgen ging er zu Frau Lehr-Knopf.

»Ich weiß, was Frieden ist«, sagte er stolz. »Aber kein anderer weiß es, denn jeder sagt etwas anderes.«

ENDE