









Sie meinen, ich suche einen niedlichen Pinguin? Hm. Nein, eigentlich nicht. Ich suche einen Karnivoren, also einen Fleischfresser, oder genauer: ich suche einen pflanzlichen Karnivoren.
Oder noch genauer: Pincuícula vulgaris L. Pinguis bedeutet Fett und -ula ist eine Verkleinerungssilbe, vulgaris weiß jeder und ein L. für den ehrenvollen Carl von Linné. Mein Liebling ist ein Wasserschlauchgewächs Lentibulariáceáe und heißt auf gut Deutsch wenig spektakulär Echtes Fettkraut.
Sie finden, ich mache das ganz schön kompliziert? Dann wissen sie aber nicht, dass die Suche nach meiner Pinguícula noch viel, viel komplizierter ist. Ungefähr so, als müssten sie einen Drachen finden. Mein Pseudo-Drachen versteckt sich mitten unter uns. Ja, sie hören richtig. Schauen sie sich ruhig um. Der lebt hier. In unseren Quellmooren tief in den Bergen oder mal auf torfigen Moorwiesen.
Oh Herrje, sagen sie, sage ich auch.
Oh Schreck, ja, ja.
Denn wo gibt’s bei uns noch ein echtes Moor, außer auf dem Papier und selbst da: totgeschwiegen. Wie sagt man beim Internet? Weggedrückt. So, so.
Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja. Meine Pinguícula! Sie ist ein Winzling. Nur fünf bis fünfzehn Zentimeter flach, also groß wie ein Pilz. So etwas suchen sie mal, selbst wenn sie ein Moor finden!
Und wenn ich die Pincuícula wäre, ich würde mich auch verstecken. Warum? Nun … also ... ich bin kein Misanthrop, nein, nein, nein. Aber trotzdem traue ich unseren Mitmenschen nun einmal nicht. Wissen sie, wenn da steht: fleischfressend, selten … nun, das ist wie ein Zauberelixier. Die will jeder haben. So begehrlich wie damals das Edelweiß, das sich jeder an den Hut stecken wollte, symbolisch.
Und selbst wenn: Die Bagger und Mäher kennen keine Gnade. Sollten sie aber, oder leben wir nach Goethes faustischem Motiv: Besser wäre es, wenn nicht entstünde?
Dabei ist meine Pincuícula sooo schön. Eine Blattrosette mit gelblichgrünen, fleischigen, elliptischen, fettglänzenden Blättern, die sich leicht nach oben rollen. Mysteriös, finden sie nicht? Yep! Aber ich erklär´s ihnen. Auf der Blattoberfläche liegen mikroskopisch kleine Drüsen, genau fünfundzwanzigtausend auf einem Daumennagel. Halten sie mal ihren Daumen hoch und zählen bis dahin – puh! Bis in die Ewigkeit.
Diese Winz-Drüsen sondern klebrigen Saft ab. Kennen sie sicher: Honig auf dem Pullover! Am Klebesaft bleiben die Insekten kleben. Falle zu. Denn dann rollt sich das Blatt erst einmal richtig ein, bis es wieder hungrig ist. Ganz schön karnivorisch-animalisch!
Sie suchen die Blüten? Die stehen steil hoch, wie Satelliten an Stielen. Blütenfarbe: Blauviolett mit weißem Schlund, damit die Bienen besser bestäuben können.
Solch Miniatur finden sie mal da draußen im Grün. Wetten, sie treten drauf, wenn nicht ein Wasserkranz drum ist wie im Moor. Selbst wenn sie kein Moor bräuchte … dann gälte sie sicher als Wildkraut … Pardon Unkraut … dann kämen Mäher und – ratzfatz raspelkurz weg. Schon alleine dafür bräuchten wir das Moor: weil sich da keiner reinwagt, in diesen schlammigen Dreckpfuhl, in dem man sich die Schuhe nass macht.
Aber suchen wir nicht das Böse, sondern das Schöne.
Meine schöne Pinguícula im traumhaften neuen Moor in spe, über das der Nebel zieht, von Sonnenstrahlen durchwoben. Wir lauschen der Stille, den Fröschen und Salamandern, die ins Nass tauchen. Insektenschwärme, Wasserlinsen, badende Birken. Der Geruch von Torf, von Erde. Wir lieben die Rufe des Dünnschnabel-Brachvogels, der in Schwärmen in den Süden zieht.
Oder schaut: Echter Beinwell. Riesenblätter wie im Urwald. Solch hübsche Blüten. Frühlingsbote für Insekten und noch Pollen im Herbst. Bienenkraut. Wundallhei, weil er uns heilt. Wurzeln bis tief in den Grund. Unzerstörbar in der Natur. Wenn wir nicht stärker wären. Also bleibt´s: Gesucht, Pinguícula. Gründen wir ein Moor für alle!
ENDE
📅 22.12.2024. 🖋 Der Text befindet sich im © Copyright 2024 von A. J. Witteberg. Möchten Sie Auszüge oder die ganze Kurzgeschichte veröffentlichen, sprechen Sie mich bitte an.
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Life - A Natural History of the First Four Billion Years of Life on Earth.