









Ihr habt schon einmal am Moor gewohnt? Nein? Aber ich! Und ich verrate euch etwas: Eine Moorlandschaft ist wie pure Magie. Ein verzauberter Traum. Im Sommer benetzen Sonnenstrahlen die schillernden Flügel der Libellen. Es gibt die großen, die wie kleine Helikopter durch die Lüfte sausen. Es gibt die kleinen, so blau wie Lapislazuli, die so gerne auf den Schwertlilien am Uferrand pausieren. Und wenn im Herbst der Bodennebel wie ein Brautschleier übers Zwielicht reist, so erwachen Wünsche vom Anbeginn der Welt.
Bleibt stehen und schaut! Dann könnt ihr es greifen. Die Pracht. Die Energie. Die süße Stille, in der es tausendfach lebt. Winzige Käfer hier und da und dort, jeder ein Wunder an Harmonie: rege Beinchen, neugierige Blicke, kein Müßiggang im Sinn. In wie vielen Gewändern sie doch spazieren. Schaut! Schaut genauer, desto mehr Krabbelchen findet ihr, jedes eine kleine Seele.
Ach so, ihr liebt Pflanzen! Dann präsentiere ich eine Symphonie traumhafter Namen: Sonnentau. Pfeilkraut. Froschbiss. Herzblatt. Gauklerblume. Schwanenblume. Storchschnabel. Oder sucht mit eurem Fernglas das blaue Sumpf-Vergissmeinnicht. Vergiss mein nicht! Auch das kannten unsere Ahnen in ihrer botanischen Heilkunde: Fieberklee, Beinwell und Lungen-Enzian. Ihr seht, es sprießt und blüht im Moore und umzu, in allen Größen und Farben, mal zierlich und mal zünftig, wie es euch gefällt.
Ihr tauscht all das gegen Wiesen, Rasen, Rosen überall?
Über knarzende Holzstege wandert ihr übers Moor. Zu beiden Seiten Blüten, so dicht wie eine Wildnis. Schauen, träumen, sich fallen lassen. Kennt ihr dieses Wildkraut? Ihr findet verblüffende Details, was sie alles können, wen sie nähren. Der Wind wiegt zart ihre Ähren, spielt mit Blättern, Blüten. Welch stolze Armee, die sich ihm stellt.
Die winzigen Samen sind älter als wir. Sie finden stets ein stilles Plätzchen, wo sie sich entfalten, einen Ritz zwischen Steinen, da ein Versteck hinter einer Distel, auf der Grasinsel im Moor. Sie finden stets …?! Nein! Sie finden nichts! Geben wir ihnen wieder Platz! Im Moor, wohin sich keiner wagt, da sind sie sicher. Ohne Agrochemie sind sie sicher. Macht es wieder heile.
Erweckt das Moor! Schlangen im Schilf und Erdkröten mit ihren großen, unschuldigen Augen. Vielleicht findet ihr Frösche, doch wundert euch nicht. Ihr müsst euch gut verstecken, damit sie sich zeigen. Vielleicht hinter dem hohen Schilf! Myriaden winziger Insekten, die das Auge kaum fasst, sie schweben mit dem Wind dahin. Dort fliegt ein Vogel hoch, Knistern im Geäst, da ist sein Nest.
Erweckt Bilder in euch. Erweckt die Sehnsucht und die Wehmut, das Andere, das Neue und das Alte. Einst schritten die Störche einher, bevor der Dünger kam. Meister Adebar, du Stolzer, komm zurück. Und du, Brachvogel. Du auch, Salamander. Käfer, du da. Hornisse feine. So müsste es sein, im Moore und umzu. Also rettet sie!
Brauchen wir all die Entwässerungsgräben? Nein! Wir brauchen das Moor, den Sumpf, die kleinen Tümpel, so unscheinbar sie sind. Wir brauchen das, was es nicht mehr gibt: die gefallenen Birken, in denen es tausendfach schillernd lebt. Unbekannte Existenzen. Ruft sie zurück in unsere Mitte. Sie brauchen uns, wir brauchen sie. Besser noch: Sie sind schön, tausendfach schillernd schön.
Schaut dort: Eine winzige heimische Moor-Welt: Birken, von Wasser umkränzt. Wenn es trocken ist, so scheint´s ein Wäldchen, doch wenn´s regnet, so sammelt sich das Nass in winzigen Tümpeln, manche kaum größer als eine Elle. Ob sie tief sind? Sonne streift durch die Äste bis zum Grund und spiegelt sich im Nass. Gras-Inseln ragen aus dem Wasser. Zum Greifen nahe und doch so fern. So zerbrechlich. Macht sie größer, die zauberhafte Moorwelt, sie rettet uns.
Ein paradiesischer Garten ohne Fußabdruck. Ihr könnt das Unbekannte greifen: die winzige Blüte hier … der sanft wippende Farnwedel dort … das schillernde, zarte Insekt mit tiefdunklen Augen. Das Sein und das Werden. Platz für Evolution. Hier können sich Lebensformen neu erfinden. So ist auch unsere Welt entstanden: sie hat sich selbst erfunden. Der Lauf der Zeit. Tausendfach schillernd. <
ENDE
📅 22.12.2024. 🖋 Der Text befindet sich im © Copyright 2024 von A. J. Witteberg. Möchten Sie Auszüge oder die ganze Kurzgeschichte veröffentlichen, sprechen Sie mich bitte an.
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Life - A Natural History of the First Four Billion Years of Life on Earth.