









Marcel Proust schrieb einst, dass die Bedeutung einer Entdeckungsreise nicht darin liegt, neue Landschaften zu finden, sondern sie mit neuen Augen zu sehen.
Ich schließe meine Augen und zaubere die Entwässerungskanäle weg und die leeren Nur-Heu-Wiesen und auch die Maisfelder. Stattdessen lasse ich dem Wasser freien Lauf. Zuerst bildet es kleine Taschen, die den Boden eindrücken und Insel belassen, auf denen das Wildkraut sprießt.
Eine Bö trägt Samen heran. Hier eine Birke, dort ein Wiesen-Schaumkraut, da ein Fieberklee und sogar ein feuerrotes Sumpfweidenröschen. Der Mäher bringt ihnen den Tod bevor sie blühen, doch hier können sie leben. Mit ihren Blüten kommen die Schmetterlinge und Käfer, die Amphibien und die Vögel. Zeit vergeht. Und auch das Moor kommt wieder zurück.
Ich baue Bretterstege und wandere durch die Unberührtheit. Es ist wie ein Wunder. Endlich fliegen wieder Vögel durch den leeren Himmel. Ich lausche der Stille und höre es knacken, knirschen. Ein seichter Plumps, wenn der Frosch abtaucht, ein Schatten, wenn der Salamander huscht. Dort eine Schnecke. Und die vielen Insekten, die um mich schweben wie verzauberte Luftfeen. Leben überall.
Und des Nachts erscheinen die Moorgeister, die sagenhaften Irrlichter, die Irrwische. Suchen wir die kleinen, blauen tanzenden Lichter! Schöner als jeder Funkenregen von Sternschnuppen.
Irrlichter! Einst hielt sich der Aberglaube, dass Irrlichter die Menschen in die Moore locken, um sie in den Tod zu ziehen. In Zeichnungen schwenkte ein böser Kobold seine Laterne und fing die sterbenden Seelen. Ein ziemlich böses Kinderschreck-Märchen. Wo sollte es sonst entstehen, als im unheimlichen Moor, das nun einmal kein Sehnsuchtsort ist. Nein, das Moor ist unverstanden, ein Ort der sozialen Verdrängung. Schlammig, tödlich, archaisch. Aber das ist ein Steilkliff auch, ein Berg, das Meer, eine Metropole.
Und der Aberglaube reell betrachtet … mal Hand aufs Herz. Es ist tintendunkle Nacht. Sie tapsen ohne Laterne in der Wildnis umher. Und dann stolpern sie schnurstracks ins Moor, nur weil vor ihnen einer, den sie gar nicht sehen, mit einer Laterne wedelt? Sie spüren keine Wasserkissen unter ihren Füßen, nein? Keine Wegelagerer, nein?
Laut Herder von 1854 waren Irrlichter noch Phantasmagorie. Der Brockhaus beschrieb sie 1900 als Luftelektrizität, weil damals alles elektrisch war. Später sprach man von entzündlichen Faulgasen. Aber wäre es nicht faszinierend, wenn wir echte Irrlichter sähen? Glitzersternchen fern und doch so nah. Tanzendes Licht wie von einem Derwisch, von einem Dschinn. Wie unter einem Zauberzelt. Kommen sie schauen, heute ist die Nacht der Irrlichter. Es bringt Glück, wenn sie eins sehen.
Folgen wir unserer Intuition und den Worten von Proust: mit neuen Augen sehen. Schaffen wir Platz für die Naturwunder hier draußen bei uns, nicht als verlorene Erinnerung, die in eine Naturdoku gebannt wird. Falsche Geborgenheit: gestohlen, bestaunt, vergessen.
Packen wir´s an. Verlieren wir unsere Scheu vor schlammigen Schuhen und Insektenstichen. Weg mit dem Korsett der kategorischen Struktur. Nicht überall Schlossalleen mit raspelkurzen Rasen und kopflose Büsche, die Bäume zu klein für Nester. Schaut den Efeu. Leben lassen! Metallisch schimmert das Brackwasser in den Gräben. Riechen wir die Düngegifte, welche die Tiere … Oh Irrlichter!
Was schrieb Herder 1854: Weitgedehnte Sumpfgegenden und große Wälder erniedrigen die Temperatur, trockener Boden erhöht sie. Einhundertsiebzig Jahre, Reisen zum Mond und keine Erkenntnis? Oh, Irrlichter!
Ich setzte mich auf eine neue Bank auf einem neuen Steg durchs neue Moor und schließe die Augen. Ich öffne mein geistiges Auge und höre wie sich ein Aal über die Feuchtwiese schlängelt. Ein Eisvogel schüttelt sein buntes Gefieder. Der Kuckuck ruft. Hören sie ihn?
Dann öffne ich die Augen und sehe die Irrlichter übers Moor hüpfen. Sie sind frei wie das Moor.
ENDE
📅 22.12.2024. 🖋 Der Text befindet sich im © Copyright 2025 von A. J. Witteberg. Möchten Sie Auszüge oder die ganze Kurzgeschichte veröffentlichen, sprechen Sie mich bitte an.
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